Die Ungarische Akademie in Rom
Die Ungarische Akademie in Rom arbeitet seit 1927 in der italienischen Hauptstadt. Ihr Sitz, der Falconieri-Palast, ist das wertvollste ausländische Besitztum des ungarischen Staates, weil zahlreiche prunkvolle Teile von einem der größten Meister des Barock, Francesco Borromini, im 17. Jahrhundert geschaffen wurden. Ministerpräsident István Bethlen und Bildungsminister Kuno Klebelsberg haben das besonders schöne Gebäude damals gekauft, weil sie wollten, dass die ungarische Kultur und Wissenschaft einen würdigen Platz in der Ewigen Stadt bekommen – so erwähnt es auch die Gedächtnistafel über dem Eingang.
Die Vorgeschehnisse greifen in den Zeitraum um 1890 zurück, als der Vatikan die Tore des Geheimen Vatikanischen Archivs öffnete. Der Bischof und Historik - Akademiker Vilmos Fraknói ließ zur Erschließung des Hungarica- Schatzes dieser unwahrscheinlich reichen Sammlung aus seinen privaten Geldern eine Villa im Nomentana –Viertel bauen., damit Unterkunft und Hilfsbücherei für die nach Rom kommenden ungarischen Forscher gesichert werden konnten. Ein paar Jahre später ließ er auf dem Nachbargrundstück noch eine neue Villa bauen, wo er für die ungarischen Künstler eine Akademie der Schönen Künste gründete.
Seine Stiftungen übernahm später der ungarische Staat und band sie dann 1927 in das Collegium Hungaricum ein. Das Ziel der damaligen Klebelsberg-Stipendien-Politik war, dass ungarische Forscher, Lehrer, Pfarrer und Künstler in möglichst großer Zahl Italien besuchen. So sollten sie durch die italienischen Beziehungen das europäische Wissen erwerben, mit dem das gebietsmäßig reduzierte Ungarn seinen kulturellen Werte der Welt beweisen kann. In der Zeit bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs erlebte das Institut seine erste Blütezeit. Viele berühmte Wissenschaftler (Kerényi Károly, Szerb Antal, Genthon István) lebten in seinen Mauern, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse wurden regelmäßig in der Zeitschrift Annuario veröffentlicht. Durch die Tätigkeit der Künstler-Stidendiaten entwickelte sich eine eigenständige Richtung in der heimischen Malerei und Plastik, die sogenannte Römische Schule, zu ihr gehörten solche Talente wie István Szőnyi, Vilmos Aba Novák oder Béla Kontuly.
Diese Blütezeit fand aber 1950 ihr Ende. Die Ungarische Akademie in Rom wurde ein Teil der Botschaft und verlor ihren selbstständigen wissenschaftlichen und künstlerischen Institutscharkater.
In den vergangenen Jahrzehnten nach der Wende setzte sich die Tätigkeit dieser Einrichtung fort. Drei Funktionen – die Vermittlung der Kultur, wissenschaftliche Tätigkeit, Vergabe von Stipendien – stehen in enger Wechselwirkung und werden von der Institution ausgeführt. Nach mehrjährigen Vorbereitungen nahm das Institut für Geschichte „ Farknói Vilmos” seine Arbeit wieder auf., dass fachlich selbstständig die wissenschaftliche Tätigkeit der Ungarischen Akademie in Rom organisiert. Das Institut ist Mitglied (sogar Vorstandsmitglied) des Intenationalen Verbandes der in Rom tätigen geschichtlichen, archäologischen und kunsthistorischen Akademien, so kann sich unser Land in hohen fachlichen Kreisen einen Namen machen. Die kulturellen Mitarbeiter der Akademie arbeiten gezielt daran, dass ungarische Künstler und ihre weltberühmten Leistungen Bestandteil der italienischen kulturellen Feiertage und auch des alltäglichen Lebens sind.
Die wissenschaftliche Abteilung der Akademie, das Institut für Geschichte Vilmos Fraknói, organisiert regelmäßig Konferenzen, Vortrags- und Diskussionsabende, Buchvorführungen und geschichtliche Ausstellungen.. In den letzten Jahren waren die Konferenz über die Geschichte der Heiligen Krone und die tausendjährigen kirchlichen polnisch-ungarischen Beziehungen sowie eine Konferenz über die Zusammenarbeit von Venedig und Ungarn zur Zeit der Revolution von 1848 besonders erwähnenswert. Das Fraknói –Institut gibt Bücher und zwei wissenschaftliche Zeitschriften heraus ( Annuario, Fontes). Zu den Aufgaben des Instituts gehören auch die Archivierung und der Schutz der ungarischen Denkmäler, Dazu gehören folgende Denkmäler und Gedenktafeln:
- das Denkmal von István Türr (1999)
- die Gedenktafel am Wohnhaus von Sándor Márai (Neapel,2000)
- die Gedenktafel zur Heiligsprechung von St. Elisabeth (Perugia,2000)
- die Gedenktafel an das von St. István gegründete Pilgerhaus (Vatikan, 2000)
- das römische St. István- Haus (2001)
- die Gedenktafel Fraknói-Klebelsberg (Rom, 2000)
- das Denkmal von Sándor Petőfi (Noto, 2001)
- die Tafel zur Erinnerung an das Kollegium der 1956 geflüchteten Studenten (Rom, 2001)
- die Gedenktafel an István Türr (Neapel, 2002) und Károly Torma (Anzio, 2002)
Auch gegenwärtig laufen Vorbereitungen zur Einweihung neuer Denkmäler, wie z. B.:
- die Gedenktafel für den Garibaldisten István Dunyov in Pistola
- die Gedenktafel für den Maler Antal Haan in Capri
- die Gedenktafel für die ungarsiche Legion in Venedig
- die Gedenktafel für Ferenc Kossuth in Cesena
- eine Gedenktafel für den österreich-ungarischen Soldatenfriedhof in Verona usw.
Zu den Aufgaben des Instituts gehört auch die Restaurierung der ungarsichen Kapelle in der berühmten römischen St. István-Rundkirche.
Zur kulturellen Tätigkeit der Ungarischen Akademie in Rom gehören außer Konzerten und Filmvorführungen auch monatlich organisierte Ausstellungen der bildenden Kunst in der Galerie sowie Fotoausstellungen in der zweiten Etage. Im Sommer 2002 begann ein kulturelles Ereignis mit dem Titel „Ungarn im Vordergrund”, dass in ganz Italien die wichtigsten Momente des ungarischen kulturellen Lebens vorstellte.
Die Geschichte der Bibliohek
Als der Bischof und Historiker Vilmos Fraknói, Generalsekretär der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie von 1894-95, das Institut für Geschichte in Rom gründete, rief er gleichzeitig auch seine Bibliothek ins Leben. Seine eigene, aus 2000 Bänden bestehende Fachbibliothek richtete er in den großen Räumen der Franói-Villa ein.
Der Gründer folgte dem deutschen, französischen und englischen Beispiel und wollte den ungarischen Historikern im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsinstutes die ungarischen wissenschaftlichen Schätze des Vatikan-Archivs zugänglich machen.
Diesem Ziel diente auch die Bibiliothek, sie unterstützte die Tätigkeit der nach Rom kommenden Literatur- und Sprachwissenschaftler und Künstler und wurde ständig erweitert. 1913 gelangte die Bibliothek in staatlichen Besitz. Ihr Bestand wurde auch durch Schenkungen und Stiftungen erweitert ( z.B. durch den Nachlass des bekannten Kunsthistorikers Károly Patthy). Der erste Sekretär der Bibliothek, Rezső Vári, registrierte die eingehenden Bücher, Zeitschriften, Sonderdrucke, Landkarten, Fotos und Alben in fünf Stamminventar- Büchern, die auch heute noch in der Akademie zu finden sind.
Das Jahr 1928 war ein bedeutendes Jahr in der Geschichte der Bibliothek, weil sie nach dem sie dem Historischen Institut angeschlossen wurde, in diesem Jahr Teil der von Graf Kuno Klebelsberg gegründeten Ungarischen Akademie in Rom wurde und in den imposanten Falconieri-Barockpalast am Ufer des Tiber umzog. Die ständige , über ein halbes Jahrhundert dauernde Bereicherung der Sammlung fand in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ein Ende.
Am Anfang der 50 er Jahre hörte die Vergabe von Stidendien sowie die wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit völlig auf. So wurde während der systematischen „Werterhaltung” zwischen 1950-52 der wertvollste Bestand, ungefähr 1830 Buchraritäten, nach Budapest transportiert. Sie kamen allerdings an keine schlechte Stelle, nämlich in die Bibliothek der Ungarischen Wissenschaftlichen Akademie und an verschiedene Universitäten, aber die neue Generation der römischen Stipendiaten konnte nicht mehr aus ihnen lernen. Unter den Werken von großer Seltenheit und musealischem Wert war zum Beispiel die erste Ausgabe der Chronik von János Thuróczy aus dem Jahre 1488, weiterhin Petrarca-Werke Ausgaben, italienische und niederländische Ausagben altertümlicher Verfasser aus dem 16. und 17. Jahrhundert und viele hundert Bücher, die sich mit der Kunstgeschichte und Archäologie von Rom befassen.
Der Tiefpunkt der Geschichte der Bibliothek fällt in die Mitte der 60iger Jahre. Die noch vorhandenen wissenschaftlichen Bücher wurden nur von sehr wenigen benutzt, es gab keinen entsprechenden Katalog, nur die Familienmitglieder der Angestellten des Außenministeriums lesen etwas von der schöngeistigen Literur.
Die Veränderungen in der „kadaristischen” ungarischen Kulturpolitik und die wachsende Zahl der Stipendienempfänger bewirkten letztendlich positive Veränderungen. Ab 1970 bekam die Széchenyi- Bibliothek den Auftrag, die Bibliotheken der ausländischen ungarischen Kulturinstitute fachlich zu betreuen. So erfolgte 1974 unter Leitung der Széchenyi- Bibliothek die längst fällige Selektierung und dann 1979/80, gleichzeitig mit der Erneuerung des Palazzo Falconieri die Neuinventur und Katalogisierung. Ende der 1980 iger Jahre begann auch die Rekonstruktion des früheren Fraknói-Materials. 1993 wurde von den Mitarbeitern der Széchenyi-Bibliothek noch einmal eine Bestandsrevision und Aussortierung vorgenommem unter Berücksichtigung des neu zu eröffnenden Instituts.
Die gegenwärtige Bibliothek hat eine zweifache Aufgabe: einerseits ist sie die Konsultationsbibliothek für ungarische Forscher und Stipendiaten auf dem Gebiet der humanen Wissenschaften (Geschichte, Literatur-und Sprachwissenschaft, Kunstgeschichte usw., andereseites gibt sie den italienischen Interessenten, Studenten und Forschern Informationen über die ungarische Kultur und Wissenschaft aus dem früheren und dem heutigen Ungarn.
Den Buchbestand bilden ca. 20.000 Bände und jährlich kommen ungefähr 250 Bände dazu. Die Sammlung der schöngeistigen Literatur wird von den in Rom lebenden ungarischen Lesern mit Vorliebe besucht. Der Zeitschriftenbestand ist mit 150 verschiedenen Ausgaben bedeutend. Zeitschriften wie „Magyar Könyvszemle” (gegründet von Vilmos Fraknói und eine der ältesten Fachzeitschriften auf der Welt) oder „Századok” erscheinen seit ihrer Entstehung. Zur Zeit kommen regelmässig 15 Zeitschriften in die Handbibliothek.
Die Kunststipendiaten können neben Noten- und Platten auch eine Kunstkatalog- Sammlung für ihre Studien benutzen. Die heimische Filmkunst wird durch 200 Videokassetten repräsentiert.